Sonntag, 1. April 2012

1 - Japanische Freundlichkeit

Vor knapp zwei Wochen bin ich am Tokyoter Flughafen Narita angekommen - nicht zum ersten Mal, aber sicherlich auch nicht zum letzten Mal. Nur etwas ist dieses Mal anders, denn ich werde nicht wie bisher nur 2-3 Wochen in Japan verbringen, sondern ein ganzes Jahr. Mein in den Reisepass geklebtes Visum ist sogar für ganze 15 Monate ausgestellt und so herrscht in nächster Zeit wohl kein Zeitdruck und sobald der Unterricht in der Universität demnächst beginnt wird sich wohl auch Alltag einstellen.

Bevor ich ins Wohnheim einziehen konnte waren es jedoch noch einige Tage, die ich mit zwei anderen deutschen Studenten in Tokyo verbringen konnte, bevor es im Anschluss auch noch kurz nach Osaka ging.

Restaurantangestellte, getroffen 2010 in Matsushima, Miyagi

Die wenigen Tage in Tokyo waren geprägt durch Sightseeing, Shopping, Karaoke und Nomihodai ("All you can drink") und sehr lustig, bis auf ein kleines, etwas "erschreckendes" Ereignis ...

Wenn ich so zurückdenke, dann waren meine Begegnungen mit fremden Japanern überwiegend sehr positiver Art. Da sind zum einen natürlich die vielen Kontakte mit Japanern im Bereich "Service". Eigentlich überall wird man mit einem freundlichen いらっしゃいませ - Willkommen - empfangen. Der Gast ist König und wird durchgehend in höflicher Sprache angesprochen. Höflichkeit gegenüber Gästen gibt es auch in Deutschland, aber dort passiert es einfach doch öfter, dass man die manchmal schlechte Laune des Personals zu spüren bekommt. Allein durch die vielen Standardsprüche der japanischen Angestellten und das Phänomen, dass hier scheinbar alle in der gleichen Tonlage sprechen, sind hier persönliche Launen viel schwerer zu bemerken und so schwebt man schnell in einer Luftblase von Freundlichkeit. Manchmal scheint die Hilfsbereitschaft auch gar kein Ende zu finden. So hatten wir uns vor einigen Jahren bei einem Besuch auf Miyajima in einem Schuhladen nach einer größeren Größe erkundigt und die Verkäuferin, bei deren Laden es leider keine passenden Schuhe gab, hat uns gleich weiter zum nächsten und zum übernächsten Laden gebracht, so lange bis sie einen mit Schuhen in der passenden Größe für uns gefunden hatte. Obwohl sie wusste, dass sie an uns kein Geld verdient wurde uns diese Hilfsbereitschaft teil. Sicherlich hätte sie jedem Japaner einfach nur den Weg erklärt, da mein japanisch zu diesem Zeitpunkt aber noch ganz am Anfang war hat sie auch gleich das Erfragen in den nächsten Läden übernommen.
Ein anderes Mal haben wir einen Japaner auf der Straße nach einer bestimmten Adresse gefragt, die er jedoch selbst nicht kannte. Mit unserem Stadtplan in der Hand hat er sicherlich zehn Minuten mit uns zusammen gesucht, bevor ihm seine Freundin laut rufend nachgelaufen kam. Vor lauter Suchen hatte er ihr gar nicht gesagt, wohin er ist. Verärgert war sie jedoch nicht und bestand sogar darauf ebenfalls beim Suchen zu helfen.

Manchmal muss man sogar nur einen kleinen Blick - eventuell leicht verwirrt - auf eine Karte werfen, und schon hat man einen Japaner neben sich, der wissen will, ob er helfen kann. Natürlich gibt es auch andere Situationen und man hat das Gefühl, dass der ein oder andere Japaner manchmal gerne seine Hilfe anbieten will, sich dann aber doch nicht traut, da er womöglich englisch sprechen müsste.

Letztes Jahr lag unser Hostel im Bezirk Taito-ku in Tokyo. Ganz in der Nähe war wohl eine Art Sozialstation für Obdachlose, was ich jedoch erst später erfahren habe. Als wir am ersten Tag gegen 7 Uhr morgens am Hostel angekommen sind saßen einige ältere Obdachlose an der Straßenseite, keiner von ihnen war jedoch aufdringlich, wie man es manchmal in Deutschland erlebt. Nur einer von ihnen hat uns angesprochen und wollte mir dabei helfen den schweren Koffer die Stufen zum Hostel hinauf zu tragen. Er wollte wahrscheinlich nur ein paar Worte mit uns wechseln, denn für den großen Koffer war er viel zu schwach.

Auch dieses Mal lag unser Hostel in Tokyo wieder in Taito-ku, nur wenige Meter vom letzten entfernt. Als wir dann eines nachts etwas später zurück ins Hostel liefen wurden wir alle sehr plötzlich und sehr negativ überrascht. Wir hatten gerade etwas im 24-Stundensupermarkt gekauft, als uns ein älterer Japaner ganz unvorbereitet auf japanisch ansprach und um 500Yen bat. Wir haben uns alle Drei im ersten Moment etwas erschreckt, ihn erst mal abgewiesen und wollten weiter laufen. Er ließ aber nicht locker, lief uns nach und forderte weiter nach Geld. Ganz plötzlich hielt er auch keinen Abstand mehr sondern griff nach uns und wollte uns aufhalten. Nur gut, dass keiner von uns Dreien alleine unterwegs war, denn sie Situation war plötzlich richtig erschreckend. Vor allem, weil wir das besonders in Japan nicht erwartet hätten. Aber selbst in Japan darf man einfach nicht zu unvorsichtig sein. Wir haben es geschafft den Mann abzuschütteln, aber ein komisches Gefühl hat die Situation erst mal hinterlassen.

Vorgestern dann schon wieder das genaue Gegenteil. Wir hatten uns bei der Post nach den Versandkosten von Paketen nach Deutschland erkundigt und nachdem die Dame vom Schalter erstmal nach verschiedenen Unterlagen gesucht hatte von ihr eine Liste zum abschreiben bekommen. Als wir das Einkaufszentrum, in dem sich die Post befindet schon wieder verlassen haben rief plötzlich jemand nach uns. お客様、お客様! Es war die Dame von der Post, die nach weiterer Suche die Liste noch als Informationsblatt gefunden hatte. Sie war extra hinter uns her gelaufen, um uns den gefundenen Zettel mit allen wichtigen Daten mitgeben zu können. Eines kann man sicher sagen: die angenehmen Erfahrungen überwiegen hier.