Dienstag, 27. November 2012

7 - Nagatachō

Es war Donnerstag Nachmittag, als mich ganz plötzlich eine dringende Mail von einem Mitarbeiter meiner japanischen Universität erreichte. Einer meiner Professoren hätte versucht, mich zu erreichen und ich solle ihn doch unbedingt so schnell wie möglich kontaktieren. Keine fünf Minuten später war eine Mail an ihn versendet und auch die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Es steht zwar noch keine Uhrzeit fest, aber falls ich Lust hätte, dann könne ich am nächsten Tag mit ins Unterhaus des japanischen Parlaments, um die Parlamentsauflösung live mit zu erleben! Natürlich wollte ich!

Anfang des Jahres hatte ich unter anderem eine Vorlesung zur japanischen Politikgeschichte belegt und mein Professor hatte mir bald angeboten, einmal mit ins Parlament zu kommen, da er neben seiner Anstellung an meiner Universität auch noch als Berater in Nagatachō, dem "Politik-Viertel", tätig ist und sich somit ein Parlamentsbesuch leicht einrichten ließe. Als dann vor einiger Zeit eine wichtige Entscheidung über eine geplante Steuererhöhung anstand, wurde ich sofort gefragt, ob ich Lust hätte, am Tag der Entscheidung mit ins Parlament zu kommen. Letztendlich wurde die Abstimmung allerdings auf einen Termin gelegt, an dem es mir und auch dem Professor durch anstehenden Unterricht nicht möglich war, zu gehen. "Aber eine andere Chance kommt sicherlich!" Und hier war sie nun also!


Das japanische Parlamentsgebäude

Bei den Unterhauswahlen 2009 hatte es die Demokratische Partei Japans (DPJ) erstmals geschafft, die Mehrheit im Unterhaus zu erlangen und somit den Premierminister, damals Yukio Hatoyama, zu stellen. Hatoyama und sein Nachfolger Naoto Kan traten allerdings noch vor den nächsten Wahlen zurück und so wurde Yoshihiko Noda zum aktuellen Premiermister. Er schaffte es, die Steuererhöhung durchzusetzen, musste der Opposition allerdings versprechen, das Unterhaus "bald" aufzulösen und Neuwahlen einzuberufen. Und genau dazu kam es am Freitag, dem 16. November.

Als ich vormittags im Zug nach Tokyo saß wusste ich noch immer nicht, wann genau ich meinen Professor im Nagatachō treffen solle, allerdings kam schon bald eine Nachricht mit Treffpunkt und Zeit von ihm. Die Parlamentsauflösung selbst würde wohl nur wenige Minuten dauern, aber die Vorfreude und Spannung war dennoch groß.

Angekommen an der richtigen Metro-Station musste ich erst noch ein paar Minuten warten, da ich zur Sicherheit doch ein wenig sehr früh am ausgemachten Treffpunkt war. Wenig später ging es dann aber mit dem Professor erst einmal in Richtung Kantei (官邸), dem Amtssitz des Premierministers, um von außen gleich ein paar Fotos zu machen. Zu meinen Erstaunen sind wir dann aber nicht gleich zurück in Richtung Parlamentsgebäude, sondern direkt auf den Eingang des Kantei zu und ich bekam einen Besucher-Ausweis ausgehändigt. Der Politik-Professor hatte mich also nicht nur für die Auflösung des Parlaments angemeldet, sondern auch gleich noch an einigen anderen Stellen. Und so ging es mit Sondererlaubnis also hinein in den Amtssitz des Premierministers und einer seiner Sekretäre nahm sich die Zeit, mit uns eine kleine Runde durch das Gebäude zu drehen. In den dritten Stock durfte ich dann allerdings nicht - da hat man nur als Japaner zutritt. Aber nachdem man in der Regel auch als Japaner generell kaum das Gebäude betreten darf will ich mich mal nicht beschweren.

Langsam wurde es dann aber Zeit, hinüber ins Parlament zu gehen, denn immerhin war ich heute gekommen, um der Auflösung des Parlaments beizuwohnen. Den Besucherausweis des Kantei gab ich zurück und bekam sogleich einen neuen für's Parlament, sowie ein Ticket für die Zuschauertribüne im Sitzungssaal des Unterhauses überreicht. Durch den Besuchereingang auf der Rückseite des Parlamentsgebäudes ging es dann ab zum Security Check und alle mitgebrachten Gegenstände (Tasche, Mantel, Kamera, Handy,...) wurden in Schließfächern verstaut. Die Sitzplätze für Zuschauer im Sitzungssaal waren schon sehr voll und weiter hinten füllten sich bereits die Stehplätze ebenfalls. Allerdings hatte ich Glück und konnte noch einen Sitzplatz ergattern. (Für die kommenden - wenn überhaupt - 15 Minuten.) Langsam erschienen immer mehr und mehr Abgeordnete im Saal und als um ca. 13.50Uhr alle anwesend waren erschien der Unterhaussprecher und las einen Brief des Kaisers vor, in dem dieser der Unterhausauflösung zustimmte. Immer wieder gab es Zwischenrufe von Abgeordneten und als der kurze Brief dann zu Ende gelesen war verfielen alle Abgeordneten in laute "Banzai"-Rufe. Relativ synchron sogar. Im Vergleich mit dem deutschen Bundestag war hier doch eine ganz andere Atmosphäre zu beobachten.


Nach drei Minuten war alles vorbei und die Abgeordneten verschwanden nach und nach wieder aus dem Plenarsaal. Ich konnte meine Sachen aus dem Schließfach befreien, bevor ich mit meinem Professor hinterher erneut das Parlamentsgebäude betreten konnte. Dieses Mal allerdings ein Stockwerk tiefer - direkt zu den Abgeordneten, die gerade dabei waren, Presseinterviews zu geben. Ich scheine der einzige "Parlamentstourist" zu diesem Zeitpunkt gewesen zu sein - alle anderen wirkten höchst beschäftigt. Also versuchte ich, möglichst Keinem im Weg zu stehen und war ganz froh, als ab und an vom Professor die ein oder andere Erklärung kam, wer denn gerade von den ganzen Pressemenschen umzingelt war. Im Raum gegenüber sollte gleich noch eine Versammlung des Kabinetts stattfinden und so ist dann auch ein Minister nach dem anderen genau an mir vorbei gelaufen, immer vom Blitzlicht der Kameras begleitet. Während der Versammlung wurde es außerhalb etwas ruhiger und ich einmal querbeet durch die Gänge des Unterhauses geführt - vorbei am Raum des Kaisers, einmal durch die Haupthalle und ganz kurz auch in den Gebäudeflügel des Oberhauses, da mein Professor wohl irgendwo mal falsch abgebogen war. 

Bis zum nächsten Termin um 17 Uhr war noch immer etwas Zeit, also wurde ich (mit schon wieder einem neuen Ausweis) hinüber ins Arbeitsgebäude der Unterhausabgeordneten geleitet. Dieses Mal auch einfach vorbei an den Sicherheitskontrollen und direkt nach oben ins dortige Büro von Premierminister Noda. "Setz dich mal auf Nodas Stuhl, wir machen ein Foto!" hieß es plötzlich - ich glaube, heute kann mich nichts mehr überraschen! Einige Fotos später haben wir noch einmal das Gebäude gewechselt und somit hatte ich auch gleich schon den nächsten Ausweis in der Hand, dieses Mal für das Arbeitsgebäude der Oberhausabgeordneten. Dort fand um 17 Uhr eine Versammlung aller Ober- und Unterhausabgeordneten der DPJ statt und nachdem sich wieder überall fotografierende Medienvertreter befanden, traute ich mich auch zum ersten Mal, meine eigene Kamera aus der Tasche zu fischen und ein paar Fotos zu schießen. Nach kurzen Reden einiger DPJ Mitglieder war Premierminister Noda an der Reihe und sprach selbst einige Worte. "Jetzt wird sich entscheiden, ob Japan weiter nach vorne geht, oder ob es einen Schritt zurück macht!" Zum Ende der Rede erhoben sich alle Abgeordneten, standen gegenüber von Noda und von allen Seiten begann sich die DPJ-Mitglieder mit einem lauten "Ganbarou!" und einer nach oben gestreckten Faust gegenseitig anzufeuern. Dennoch, die Chancen bei der nächsten Wahl werden auch dadurch wohl nicht wachsen ....

Premierminister Noda spricht vor den Parlamentsabgeordneten der DPJ

Fast parallel zum Premierminister ging es wieder aus dem Gebäude und noch einmal ein paar Häuser weiter ins Büro meines Professor, der wohl mehr Connections im Regierungsviertel hat, als mir zuvor klar war. Im Fernsehen wurde noch kurz die Pressekonferenz von Noda verfolgt, wobei er fast genau die Worte wie schon eine halbe Stunde früher bei seiner Rede verwendete. Eine letzte Überraschung am Abend gab es dann aber doch noch: Zwar wusste ich, dass ich zum Shabu-Shabu-Essen (Fleisch, Gemüse etc. wird in einer Art Topf am Tisch zubereitet und sofort gegessen) eingeladen war, allerdings stand plötzlich Fleisch in einer Qualität, wie ich sie noch nie probiert hatte, vor mir. Dass es zwischen normalem und richtig gutem Fleisch solch einen großen Geschmacksunterschied gibt, war mir wirklich nicht bewusst gewesen. Und so kam ein sehr spannender Tag dann auch zu einem überragenden Ende.